Spaziergang am Bach

Ich spazierte dem Bach entlang, genoss die frische Luft, lauschte dem Rauschen und dem Gezwitscher der Vögel, spürte die Kieselsteine unter meinen nackten Füssen und die kühle Luft an meinen Wangen. Ein kleines Kind rannte mir entgegen. Es jagte einen Schmetterling, einen kleinen, knallig roten Schmetterling. Juchzend versuchte es mit den Händen nach ihm zu greifen, doch, puff, war er weg, verschwunden in den Unendlichkeiten des Himmels. Nach einigen Sekunden merkte auch das Kind, dass er weg war. Es liess den Kopf hängen, so tief, dass es einen Wurm entdeckte, mit dem es nun spielen konnte. Als bereits nur noch das Ende des Wurmes aus seinem Maul hing, kam die Mutter angerannt, hinter ihr der Vater mit einem Zwillingswagen. Auf der anderen Seite flitzte ein Eichhörnchen den Baum hinauf. Der buschige Schwanz baumelte hinter im her, planlos, und doch am perfekten Ort, um das Eichhörnchen in der Balance zu halten. Eine Wolke schlich sich gemächlich vor die Sonne, es wurde ganz unmerklich dunkler. Die Familie war an mir vorbei, ausser Sichtweite, das Eichhörnchen in den Baumwipfeln verschwunden. Nichts bewegte sich mehr, nichts ausser dem Bach und mir. Ich begann zu frieren, zu schlottern, von aussen drang sich Kälte auf, doch in mir wurde es warm, wohlig warm und gemütlich. Gemütlich wie in Omas Stube, in der ich mich immer aufs Sofa legte und einschlief, neben dem Kamin, den zarten Flammen, im dämmernden Licht. Die Kälte kam nicht dagegen an. Erst fast unmerklich, dann immer deutlicher konnte ich eine neue Bewegung ausmachen. Eine Bewegung in der Ferne. Es war nur ein dunkler Schatten, eine zweidimensionale Wand, die sich regelmässig bei jedem Schritt leicht nach links und nach rechts wog. Die Gestalt wuchs, die Kälte nahm zu. Mein kleiner Finger war taub. Der Schatten war nicht mehr weit entfernt. Ich spürte immer weniger Körperteile. Schliesslich bleib er zwei Meter vor mir entfernt stehen. Er war immer noch eine Scheibe. Flach. Nicht eine Falte, nicht ein Glied zu erkennen. Mein Verstand sagte mir, ich müsse Angst haben. Aber ich hatte keine. Ich ging auf die Gestalt zu. Ganz langsam, ein wenig nach links, um sie von der Seite betrachten zu können. Doch auch von da war sie platt. Ich streckte meine Hand nach ihr aus. Langsam berührte ich sie. Ich fühlte nichts. Alle meine Glieder waren taub. Dachte ich zuerst. Da fing alles in mir an zu kräuseln. Meine innere Wärme verteilte sich wieder in den ganzen Körper. Willst du mit mir tanzen? Die Frage kam von der Gestalt. Auch wenn ich sie nur in meinem Kopf hörte. «Ja», wisperte ich leise. Langsam begann ich mich zu drehen, mich harmonisch im Einklang mit dem reglosen Schatten zu bewegen. Und in dem Moment war ich gegangen. Für immer.

 

von Gian-Andrea Cantiello