Der Ärger

 

Stellt euch einmal vor, es gäbe keinen Ärger auf dieser Erde. Man müsste sich über nichts aufregen. Wenn einem das Marmeladenbrot aus der Hand fällt, würde es immer auf der unbestrichenen Seite landen. Es gäbe keine kleinen Geschwister, die andauernd den letzten Keks aufessen. Der Sitznachbar würde einem nie den Lieblingsstift klauen, weil er sein Etui zu Hause vergessen hat. Ein Leben ohne Ärger wäre doch wunderbar, nicht?

 

Ich meine, sind wir einmal ehrlich. Gespräch nach der Schule bestehen zu 80% daraus, dass man sich entweder über den unfairen Lehrer beklagt, von dem jeder das Gefühl hat, er würde genau ihn hassen, oder über die eine Klassenkameradin, die sich wieder einmal oberzickig gezeigt hat. Wäre aller Ärger von unserer Erde verbannt, worüber würden wir dann die ganze Zeit reden? Vielleicht würde ab und zu mal jemand etwas von seinem Wochenende erzählen, aber was will schon aus diesem Gesprächsanfang werden, wenn man sich nicht einmal über das schlechte Wetter beklagen kann?

 

Stellt es euch einmal ganz lebhaft vor, wie es wäre, wenn ihr am Abend im Bett liegen würdet und einfach auf nichts wütend sein könnten. Jeden Abend. Immer nur zufrieden. Alle Klassenkameraden waren toll. Die Eltern auch. Die Lehrer grandios. Alles perfekt. Wäre das nicht bedrückend? Die ganze Zeit nur diese Zufriedenheit? Hätte niemand das Gefühl, eingeengt zu sein, sich nicht frei bewegen zu können?

 

Sich zu ärgern, sich aufzuregen, mal richtig Dampf abzulassen, das hat doch auch etwas Befreiendes. Danach fühlt man sich wohler, man hat gesagt, was man wollte, und man ist wieder ein bisschen auf den Boden gekommen. Man hat neue Energie gewonnen, um weiter zu machen.

 

Ärger. Wir alle ärgern uns über den Ärger auf dieser Welt. Und doch ist er so ärgerlich wichtig für uns.

 

 

 

Von Gian-Andrea Cantiello